Kostenloser öffentlicher (Nah-)Verkehr: Kann oder soll Belgien dem Beispiel Luxemburgs folgen?

Paul Magnette, der Vorsitzende der frankophonen Sozialisten PS, hat wiederholt angeregt, das Nutzen von Bussen und Bahnen in Belgien kostenlos zu gestalten. Magnette will dabei Schritt für Schritt vorgehen und in einer ersten Instanz mit kostenlosen Fahrscheinen für unter 25- und über 65-Jährige beginnen. Hat ein solcher Vorschlag Sinn? Ist das realistisch? Eine Transport-Ökonomin der Antwerpener Universität hat da so ihre Bedenken. In Luxemburg sind die öffentlichen Verkehrsmittel seit einiger Zeit kostenlos. 

PS-Parteipräsident Magnette wiederholte diese Woche vor Studierenden der politischen Wissenschaften an der Universität von Gent (UGent) seinen Vorschlag, nach dem die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in Belgien nach und nach kostenlos werden soll. Der frankophone Sozialist führt zur Begründung seines Vorstoßes sowohl soziale, als auch ökologische Gründe an.

Die Kosten würden sich in Grenzen halten, so Magnette. Er veranschlagt rund 150 Mio. € pro Jahr, was in etwa 5 % des Haushalts der belgischen Bahngesellschaft NMBS/SNCB entsprechen würde. Bis 2030 soll das vonstattengehen, damit man auch im Hinblick auf das Vorhaben, in Belgien bis 2050 CO²-neutral zu sein, eine weitere Lösungsmöglichkeit habe.  

Die einen begrüßen dies, denn damit würden wohl einige Autofahrer öfter auf die Bahn oder auf Busse umsteigen, doch andere äußern auch Kritik an diesem Vorhaben, wie z.B. Katrien De Langhe, Transport-Ökonomin an der Antwerpener Uni. Sie stellt sich u.a. die Frage, ob dies der richtige Weg sei, Mobilität auf diese Art und Weise zu stimulieren und auch, ob die Zahlen, die Magnette vorlegt, der Realität entsprechen.

Kann man so Mobilität stimulieren?

Das mehr öffentlicher Verkehr eine Rolle beim Streben nach mehr Nachhaltigkeit spielen kann, erkennt De Langhe durchaus an: „Aus dem Klimastandpunkt sind öffentliche Verkehrsmittel eine bessere Option, als das wir alle in unsere eigenen Autos steigen.“ Doch es bleibe zu beweisen, dass mehr Menschen den eigenen Wagen stehen lassen würden, wenn Busse und Bahnen gratis seien. Sie führt dabei das Beispiel der limburgischen Provinzhauptstadt Hasselt an, wo vor vielen Jahren einmal mit gratis Bussen experimentiert wurde: „In der Tat saßen mehr Menschen in den Bussen, als diese gratis waren, doch das waren nicht notwendigerweise Leute, die aus ihren Autos ausgestiegen waren, sondern viele hatten ihr Fahrrad stehen lassen oder waren weniger zu Fuß unterwegs.“ 

Alle Kosten aufzählen, die der Verkehr verursacht

Die Antwerpener Transport-Ökonomin stellt sich auch Fragen, bei den Unkosten, die PS-Präsident Magnette vorlegt (kostenlose Fahrscheine für unter 25- und über 65-Jährige sollen pro Jahr 150 Mio. € kosten, 5 % des Budgets der belgischen Bahn). De Langhe erinnert daran, dass ein solches Vorhaben auch andere Kosten verursachen würde: „Man darf dabei nicht nur die Fahrkarten aufzählen. Wenn mehr Leute den Zug nehmen, weil dieser gratis ist, dann bedeutet es dort auch Mehrkosten.“

Schon jetzt sind viele Züge (in nicht Corona-Zeiten) voll, z.B. zu den Stoßzeiten. Das bedeutet, dass die Verkehrsgesellschaften bei stark steigenden Fahrgastzahlen auch ihren Fahrzeugpark vergrößern müssen (Züge, Busse, Straßenbahnen) und das kostet nicht gerade wenig Geld. „Wir brauchen eine gute Übersicht über die Kosten, die die Leute verursachen, wenn sie sich im Verkehr fortbewegen.“

Z.B. werden nicht alle Kosten, die der Straßenverkehr verursacht, immer aufgerechnet, wenn es um solche Fragen geht. Dies sei auch der Fall im öffentlichen (Nah-)Verkehr. Hier müssen auch alle entstehenden Kosten mit einberechnet werden, wenn man über alle Formen von Mobilität und Verkehr diskutiert. 

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