Belgischer Glaziologe sieht Gletscher in den Schweizer Alpen  immer schneller schmelzen

In knapp 20 Jahren ist ein Kilometer des Schweizer Morteratschgletschers geschmolzen. Zum Vergleich: Zwischen 1860 und 2000, also in 140 Jahren sind zwei Kilometer des Gletschers geschmolzen. Die Gletscher verschwinden also immer schneller, stellt der Glaziologe Philippe Huybrechts von der flämischen Universität VUB fest: "Die globale Erwärmung findet vor unseren Augen statt. “

Wer die Folgen der globalen Erwärmung mit eigenen Augen sehen will, muss sich die Schweizer Alpen anschauen. Dort kann man mit eigenen Augen sehen, wie sich die Gletscher Jahr für Jahr zurückziehen. Schnee und Eis, die sich im Winter an der Spitze der Gletscher bilden, reichen nicht mehr aus, um die Schmelze darunter auszugleichen. Die Gletscher ziehen sich also Jahr für Jahr zurück.  

Der belgische Glaziologe Philippe Huybrechts (VUB) untersucht seit zwanzig Jahren den Morteratschgletscher im Berninamassiv im Südosten der Schweiz (Kanton Graubünden).

Sammlung Gesellschaft für ökologische Forschung / Sylvia Hamberger / York von Wittern

In den letzten zehn Jahren verschwindet der Gletscher viel schneller als früher, haben Huybrechts und seine Doktoranden festgestellt. Die Wissenschaftler sehen sie nicht nur mit bloßem Auge, sondern führen auch Messungen mit Dampfbohrern und Drohnen durch, wie sie in einer Reportage für VRT NWS erklären (unten).  

Anhand der Fotos, die mit Drohnen vom Gletscher gemacht werden, kann die Gletscheroberfläche in 3D rekonstruiert werden. Auf diese Weise kann jedes Jahr gemessen werden, wie viele Meter der Gletscher schmilzt. "Letztes Jahr oder vor zwei Jahren betrug der Rückgang sogar fast 15 Meter. In nur einem Sommer.”  

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Auch Touristen sehen, wie der Gletscher verschwindet

Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Wanderer können sehen, wie die globale Erwärmung die Landschaft verändert. Der Morterartschgletscher reichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch drei Kilometer weiter als heute. Damals konnten Touristen mit dem Zug bis zur so genannten Gletscherstirn fahren, d.h. bis zum Ende des Gletschers. Der Gletscher füllte das gesamte Tal mit bis zu 100 m hohem Eis.   

Jetzt gibt es einen Wanderweg im Tal mit Datumsangaben: Zwischen 1860 und 2000, also in 140 Jahren, hat sich der Gletscher um gut 2 Kilometer zurückgezogen. Doch seit dem Jahr 2000 hat sich die Entwicklung beschleunigt: In zwanzig Jahren ist der Gletscher um 1 Kilometer geschrumpft.  

"Wir kommen seit 20 Jahren hierher, um zu wandern", sagt Ewart Cole, ein Brite, der in Basel wohnt. "Vor zwanzig Jahren gab es hier gigantische Eishöhlen, in die man hineingehen konnte. Man konnte das Eis glitzern sehen. Jetzt ist das alles weg. Das ist sehr traurig und ein Beweis für die globale Erwärmung.

Gefahr für die Schweiz und auch für Flandern

Dass die Gletscher schmelzen, ist nicht nur eine Schande für die natürliche Schönheit der Alpen. Sie hat auch wirtschaftliche und ökologische Folgen.  

"Ohne diese Gletscher wären hier in der Schweiz viele Flüsse praktisch ausgetrocknet. Sie sind für die Wasserversorgung, aber auch beispielsweise für die Landwirtschaft und die Industrie sehr wichtig. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass das Schmelzwasser für die Wasserkraft genutzt wird, um in Kraftwerken Strom zu erzeugen. Und drittens sind sie natürlich auch für den Tourismus sehr wichtig", sagt der flämische Glaziologe Huybrechts.  

Kurt Desplenter

Etwa 30 % des Anstiegs des Meeresspiegels seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind die direkte Folge der weltweiten Gletscherschmelze.  

"Seit Ende des 19. Jahrhunderts schmelzen die Gletscher. Und das lässt den Meeresspiegel ansteigen. Wenn wir den Anstieg des Meeresspiegels seit Beginn des 20. Jahrhunderts betrachten, sind etwa 30 % davon eine direkte Folge des weltweiten Abschmelzens der Gletscher.” 

Der langfristige Anstieg des Meeresspiegels an der flämischen Küste wird voraussichtlich zwischen 9 und 37 Metern liegen. Das ergab eine Studie, die 2020 in der Fachzeitschrift Earth System Dynamic veröffentlicht wurde.

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