Kazerne Dossin

Wie eine Postkarte von 1942 die Nachkommen eines ermordeten Juden und einer "Heldin" zusammenbringt

1942 warf ein Jude aus Antwerpen eine Postkarte aus einem Deportationszug nach Auschwitz. Diese Karte fand eine junge Frau seinerzeit und gab sie bei der Post auf. Die Postkarte war das letzte Lebenszeichen des Mannes. Jetzt, knapp 80 Jahre später, trafen sich die Nachkommen dieser beiden Menschen zum ersten Mal.

Am 15. September 1942 fährt ein Deportationszug mit an Bord 1.047 Frauen, Männern und Kindern an der Sammelstelle in Mechelen an der Kaserne Dossin (heute ein Holocaus-Museum und eine Gedenkstätte) in Richtung Auschwitz ab. Mit an Bord ist auch Moïse Larchy, ein Mann aus Antwerpen.

Der wirft irgendwo zwischen Löwen und Tienen in Flämisch-Brabant eine Postkarte an seine Familie aus dem Zug und diese Karte findet zufällig die damals 17 Jahre alte Jeanne Roosen aus dem Dorf Drieslinter. Sie hebt die Karte auf und bringt sie sofort zur Post - Datum des Stempels: 15. September 1942…  

Die Familie von Moïse Larchy, dessen Frau und dessen Sohn Jeannot, haben mit dieser Postkarte das letzte Lebenszeichen von ihrem Mann und Vater erhalten und bis heute wird diese Karte als wertvollster Familienbesitz in Ehren gehalten.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Kazerne Dossin

Der Text der Postkarte lautet wie folgt:

Meine lieben Freunde,

Nach 3 Tagen eines nicht zu schmerzlichen Aufenthalts in der bischöflichen Stadt sind wir heute Morgen abgefahren.

Vor einiger Zeit sah ich die Schornsteinen der „Raffineries Tirlemontoises“. Ich muss noch feststellen, was das Ziel meiner Reise ist. Ich sende herzliche Grüße an all meine Geliebten; sage ihnen, dass ich sehr froh bin, dass sie nicht bei mir sind, vor allem Jeannot wäre hier nicht gut aufgehoben. Sage ihnen, dass sie sich gut versorgen müssen und dass sie frei von Krankheiten bleiben.

Die Moral ist gut. Die Pakete sind gestern bei mir angekommen. Ich bin ihnen dankbar und bleibe der ihre,

Moïse Larchy

(Die „bischöfliche Stadt“ ist Mechelen in der Provinz Antwerpen - der Sitz des Erzbistums von Mechelen und Brüssel und die „Raffineries Tirlemontoises“ sind die Zuckerfabrik in Tienen in Flämisch-Brabant, die noch stets existiert…) 

Nachgeforscht und eine schöne Ehrung

Forscher des Holocaust-Museums in der Kaserne Dossin in Mechelen und der Heimatverein von Linter, zu dem das Dorf Drieslinter in Flämisch-Brabant gehört, haben inzwischen auch den Sohn von Jeanne Roosen, der Frau, die die Postkarte 1942 fand und bei der Post aufgab, gefunden. Dieser verstarb bereits vor 19 Jahren. Doch dessen Witwe, Yvette Beelen, traf am Wochenende Jean „Jeannot“ Larchy, den Sohn von Moïse.

Übrigens, Yvette Beelen, die Schwiegertochter von Jeanne Roosen, wusste bis vor kurzem noch nichts von der „Heldentat“: „Sie hat da nie ein Wort drüber verloren. War das unbewusst oder musste sie es verschweigen? Das weiß ich nicht. Ich habe oft gedacht, dass sie selbst vielleicht jemanden versteckt hat, doch das hat sie niemals erzählt.“

Yvette Beelen, Jean Larchy, Historiker der Kaserne Dossin, der Heimatverein von Linter und Vertreter der Gemeinde legten am Sonntag in Orsmal bei Linter am Kriegsdenkmal Blumen nieder. „Dies ist eine Ehrung der jungen Jeanne, die mit einer simplen Geste der jüdischen Familie des ermordeten Moïse ein Andenken schenkte.“, so Barbarn Porteman vom Holocaust-Museum in Mechelen. Yvette Beelen sagte dazu bewegt: „Mein Mann ist inzwischen schon 19 Jahre lang tot. Aber dass seine Mutter doch noch so geehrt wird, dass finde ich sehr rührend…“

Kazerne Dossin

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