© Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung

"Fantastisch Real", Belgische Moderne von Ensor bis Magritte in München

Die Kunsthalle München präsentiert Meisterwerke der belgischen Moderne von 1860 bis 1960. Etwa 130 Gemälde, Grafiken und Skulpturen veranschaulichen, wie die Kunst dieser Zeit die Grenzen von Fantasie und Wirklichkeit stets aufs Neue auslotet. Dabei rückt die schlichte Alltagsrealität ebenso in den Fokus wie die Geheimnisse und Rätsel jenseits der sichtbaren Welt. 

Die Ausstellung beleuchtet den spezifischen Weg der belgischen Kunst von realistischen Szenen des einfachen Volkes und atmosphärischen Landschaften über die fantastischen Maskeraden James Ensors bis zu den surrealen Welten von Paul Delvaux und René Magritte.

Neben solchen großen Namen sind unter den rund 40 ausgestellten Künstlern zahlreiche in Deutschland kaum bekannte Maler wie Eugène Laermans, Constant Permeke oder Rik Wouters zu entdecken. Mit Blick auf diese besondere Ausprägung der belgischen Moderne zeichnet die Ausstellung in zehn Kapiteln die Entwicklung der Kunst von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nach und verortet die Werke dabei in ihren kultur- und sozialgeschichtlichen Kontexten.

Künstlerdort Sint-Maetens-Laetem

Der Wunsch nach Authentizität sowie nach Spiritualität und einem Rückzug aus der materiellen Welt - Belgien war um die Jahrhundertwende die fünftgrößte Industrienation der Welt - trieb auch die Künstler an, die sich ab 1898 in dem bei Gent gelegenen Dorf Sint-Martens-Latem niederließen.

Die erste Generation dieser Künstlerkolonie, zu deren Protagonisten beispielsweise George Minne zählte, war mit religiösen Themen und Rückbezügen auf die mittelalterliche Malerei der sogenannten flämischen Primitiven stärker symbolistisch orientiert. Kurze Zeit später entwickelte sich Sint-Martens-Latem zu einer Keimzelle des Expressionismus: Werke von Künstlern wie Gustave De Smet, Frits Van den Berghe oder Constant Permeke zeichnen sich durch eine reduzierte, vereinfachte Formensprache aus.

Die monumentalen Bauern- und Fischerfiguren Permekes knüpfen an die künstlerische Nobilitierung der einfachen Arbeiter und der Landbevölkerung im 19. Jahrhundert an, während Van den Berghe sich nach dem Ersten Weltkrieg mit der Darstellung fantastischer Gestalten und Formen langsam dem Surrealismus zuwandte.

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Rik Wouters (1882–1916), Lesende Frau, 1913, 65,2 × 53,4 cm, Öl auf Leinwand, Königliches Museum der schönen Künste Antwerpen Sammlung KMSKA – Flämische Gemeinschaft (CC0), Foto: Hugo Maertens

Rik Wouters

Ein Teil der Ausstellung in München befasst sich mit Gemälden und Skulpturen von Rik Wouters. Seine Alltagsszenen und von Ensor inspirierten Interieurs weisen mitunter eine lockere, impressionistische Malweise auf, stehen in ihrer leuchtend bunten Farbigkeit aber auch den Fauves nahe. Wouters’ Bestreben, durch aufgelöste Oberflächen die Flüchtigkeit einzelner Momente wiederzugeben, zeigt sich gleichermaßen in seiner Malerei wie in seiner Bildhauerei.

Ein weiterer Bereich der Ausstellung widmet sich der abstrakten belgischen Avantgarde aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, deren Kunst sozialen Zielen dienen und ein neu gestaltetes Leben in einer erneuerten Gesellschaft ermöglichen sollte. Hier setzten sich Künstler wie Jules Schmalzigaug oder Marthe Donas insbesondere mit dem italienischen Futurismus und dem französischen Kubismus auseinander.

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René Magritte (1898–1967), Die Rache, 1938 oder 1939, 47 × 35 cm, Aquarell auf Papier, Königliches Museum der schönen Künste Antwerpen © René Magritte, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Ch. Herscovici, Sammlung KMSKA – Flämische Gemeinschaft, Foto: Hugo Maertens

Surrealismus

Zum Schluss versammelt die Ausstellung surrealistische Werke von Paul Joostens, Paul Delvaux und René Magritte, die die Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Realem und Fantastischem mit innovativen künstlerischen Techniken und Strategien (Collage, surreale Objektkombinationen etc.) neu ausloten. Was die Symbolisten an Realitätserweiterung durch Traum und Fantasie vorbereitet hatten, führten die Surrealisten zur Sur-Realität zusammen, in der alle Grenzen aufgehoben waren, alle Kategorien und Begriffe neu und frei gedacht werden sollte

Die Ausstellung „Fantastisch Real“ entstand in Kooperation mit dem Königlichen Museum für Schöne Künste Antwerpen (Quelle: Kunsthalle München).

„Fantastisch Real“, 15. Oktober 2021 bis 6. März 2022, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, 80333 München - Info: www.kunsthalle-muc.de

James Ensor (1860–1949), Die Intrige, 1890, 91,5 × 150 cm, Öl auf Leinwand, Königliches Museum der schönen Künste Antwerpen Sammlung KMSKA – Flämische Gemeinschaft (CC0), Foto: Hugo Maertens

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