Energieministerin Van der Straeten: "Der Atomausstieg ist keine ideologische Frage"

Belgiens Energieministerin Tinne Van der Straeten (Groen - Foto) will sich dem Thema Mini-Kernreaktoren (SMR, "small modular reactors") nicht verschließen, wie sie in Frankreich zur Energiegewinnung in der Diskussion stehen. Doch sie gibt zu verstehen, dass dies keine kurzfristige Lösung sei. Van der Straeten hält am Bau von Gaskraftwerken im Zuge des Atomausstiegs in unserem Land fest.

Noch in diesem Jahr, voraussichtlich im November, soll deutlich werden, ob die 7 belgischen Kernreaktoren in den beiden Atomkraftwerken Doel bei Antwerpen und Tihange bei Huy bis 2025 definitiv heruntergefahren und vom Netz genommen werden. Möglicherweise wird die Laufzeit der beiden jüngsten Reaktoren (Doel 4 und Tihange 3, jeweils 1985 in Betrieb genommen) aber noch etwas verlängert.

Dies hängt von einer Studie zur Energiesicherheit im Zuge des Atomausstiegs ab, so Van der Straeten am Freitag in der VRT-TV-Sendung „De afsprak“ („Die Verabredung“): „Aber, in allen möglichen Szenarien werden wir Gaskraftwerke nötig haben. Das ist eine Frage der Energiesicherheit.“ 

Unsere Energie-Versorgungssicherheit sollte nicht zum Objekt von politischen Spielchen werden.“

Energieministerin Tinne Van der Straeten

Doch dies ist zum Streitfall zwischen der belgischen Bundes- und der flämischen Landesebene geworden. Flanderns Landesenergie- und -umweltministerin Zuhal Demir (N-VA), die, wie auch ihre Partei, an der Kernkraft festhält, verweigert die Bau- und Betriebsgenehmigung für zwei Gaskraftwerke auf flämischem Boden.

Bundesenergieministerin Van der Straeten geht aber nicht davon aus, dass ihr aus flämischer Richtung Stöcke in die Speichen geworfen werden sollen: „Unsere Energie-Versorgungssicherheit sollte nicht zum Objekt von politischen Spielchen werden. Jeder Vorgang muss auf seine Vorteile hin geprüft werden und die Regeln gelten für alle.“

Unsicherheit in Sachen CO2-Ausstoß?

Im Rahmen von „De afsprak“ zeigte sich der Ökonom Geert Noels beunruhigt in der Frage des Schadstoffausstoßes von Gaskraftwerken: „Das reduziert die Gewinne, die man dank nachhaltiger Energiequellen erzielen kann.“ Er wirft der grünen Energieministerin im Besonderen und den Ökologen im Allgemeinen vor, hier mit einer zu ideologischen Vorgehensweise aufzuwarten.

Doch Van der Straeten wies dies von sich und ging in diesem Zusammenhang noch einmal auf die kleinen modularen Kernreaktoren ein, die wesentlich weniger Strahlenabfall produzieren würden, als die noch am Netz befindlichen herkömmlichen und auf die Gaskraftwerke als Übergangslösung. 

Das Problem der Kernenergie ist heute ein enormer Berg von Strahlenabfall, für den es bis heute keine Lösung gibt.“

Energieministerin Tinne Van der Straeten

Für die belgische Energieministerin ist die Frage des Atomausstiegs nicht zuletzt eine Frage des Strahlenabfalls, der noch auf Jahrhunderte hin gefährlich bleibe: „Das ist also keine ideologische Frage, sondern das Problem der Kernenergie ist heute ein enormer Berg von Strahlenabfall, für den es bis heute keine Lösung gibt.“

Dauert zu lange…?

Van der Straeten unterstrich ebenfalls, dass in unserem Land weiter in Sachen Kernenergie, Strahlenabfälle und Ähnliche geforscht werde, u.a. durch das Kernforschungszentrum in Mol bei Antwerpen: „Große Budgets sind in diese Forschung investiert worden und ich würde gerne Resultate sehen, doch das sind alles keine kurzfristigen Lösungen.“ 

Damit meint die flämische Grüne auch die SMR-Kernreaktoren, die Frankreich schon bis 2030 realisieren möchte. Also bedeutet dies, dass für Van der Straeten die Gaskraftwerke trotz CO2-Ausstoß unumgänglich sind. Nicht zuletzt ist auch hier der Schadstoffausstoß bei den modernen Versionen weitaus geringer, als bei den herkömmlichen Anlagen. 

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