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Hoher Gesundheitsrat: "Kernenergie keine ideale Alternative für fossile Energiequellen"

Nach Ansicht des Hohen Gesundheitsrates in Belgien stellt die Kernenergie keine ideale Alternative für fossile Energiequellen, wie z.B. Kohlekraftwerke dar. In einem neuen Gutachten über Atomenergie heißt es von Seiten des Rates: „Kernenergie birgt ihre eigenen Risiken und wirft ernsthafte Fragen auf.“ Der Hohe Rat für Gesundheit beruft sich in seinem Gutachten auf technische und ethische Argumente und weist insbesondere auf die Risiken eines Atomunfalls und des strahlenden Kernabfalls hin.

Eine nukleare Katastrophe in Belgien mit seiner dichten Bebauung und seiner dichten Bevölkerung würde unvorhersehbare Folgen haben, heißt es im Gutachten des Hohen Rates für Gesundheit. Die Verstrahlung würde flächenmäßig enorme Probleme bereiten, die zudem auch sehr lange spürbar seien. Aus diesen Gründen ist der Gesundheitsrat der Ansicht, dass man in Belgien nicht weiter auf Kernenergie im Kontext des hiesigen Energiemixes setzen sollte. 

„Der Hohe Gesundheitsrat ist der Meinung, dass angesichts der besonderen Anfälligkeit der belgischen Anlagen, die Fortsetzung dieser Risiken für weitere 10 bis 20 Jahre Umwelt-, Gesundheits- und Ethikfragen aufwirft“, so das Gutachten.

Der Rat möchte nach eigenen Angaben mit seinem Papier keine Stellung in der Diskussion um einen möglichen Weiterbetrieb der beiden jüngsten Kernreaktoren (Doel 4 und Tihange 3, jeweils 1985 in Betrieb genommen) oder um neue Gaskraftwerke als Zwischenlösung im Rahmen des für 2025 geplanten Atomausstiegs in Belgien einnehmen.

Polarisierte Diskussion?

Gilbert Eggermont, einer der Autoren dieses Gutachtens des Hohen Gesundheitsrates, zeigte sich erschrocken darüber, wie polarisiert die Debatte um den Atomausstieg und die alternativen Energiequellen geführt werde. Er hält z.B. die Diskussion um den CO²-Ausstoß von Gaskraftwerken für eher oberflächlich. Hier argumentieren die Fürsprecher der Kernenergie, dass in den AKW Energie mit einem geringen CO²-Ausstoß produziert werde und dass Gaskraftwerke im Gegensatz dazu zu viel Schadstoffe produzieren würden.

Eggermont erinnert daran, dass die Luft- und Umweltverschmutzung in Belgien nicht nur durch die Stromgewinnung ausgelöst wird: „Man sollte nicht vergessen, dass Elektrizität nur ein beschränkter Aspekt der Energiewende ist. Industrie, Verkehr und Luftfahrt haben auch ihre Auswirkungen. Wir wollten ein breiteres Bild zeichnen und haben unsere letzte Empfehlung, die wir nach dem Atomunfall in Fukushima 2016 verfasst haben, erweitert. Seit dem ist die Frage, wie wir aus der Kernkraft aussteigen können, einfach liegen geblieben.“ 

Strahlender Kernabfall ein ethisches Problem?

Über das Problem des Strahlenabfalls gebe es noch immer keinen gesellschaftlichen Konsens, so Gilbert Eggermont. Und dies sei ein deutlich ethisches Problem: „Mit dem heutigen Wissensstand gibt es noch keine Alternative für eine tiefe geologische Lagerung.“ Das würde bedeuten, dass die folgenden Generationen womöglich tausende Jahre lang solche Endlagerstätten bewachen müssen und dass das Wissen dazu über Generationen hinweg weitergegeben werden muss, so Eggermont: „Aus ethischer Sicht kann das vom Hohen Gesundheitsrat nur schwer zu akzeptieren sein.“

Die kleineren Kernkraftwerke, die z.B. der französische Staatspräsident Emmanuel Macron gerne als Alternative in den Ring wirft, die sogenannten „small modular reactors“ (SMR), kommen nach Ansicht des Gesundheitsrates in Belgien zu spät: „Die meisten von ihnen sind noch in der Entwicklungsphase und es sind noch gründliche Bewertungen der Risiken notwendig, z.B. in Sicherheitsfragen. Auch wenn diese Entwicklungen für Zukunftsperspektiven sorgen könnten, bieten diese Reaktoren keine Lösung für die heutigen Probleme.“

Nach Ansicht des Hohen Gesundheitsrates braucht es in Sachen Energiewende und Atomausstieg einen entschlossenen politischen Willen „auf regionaler, nationaler oder europäischer Ebene, um so schnell wie möglich für die nötigen technologischen und industriellen Entwicklungen zu sorgen.“   

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