Virologe Peter Piot: "Nicht geimpfter Arzt gefährdet das Leben von Patienten - das ist Totschlag"

Totschlag: So nennt der international renommierte belgische Virologe Peter Piot (Foto) das Verhalten eines nicht geimpften Arzt, der deshalb das Leben seiner Patienten aufs Spiel setzt. Für ihn ist die Impfpflicht für das Gesundheitspersonal die einzig richtige Entscheidung. "Ohne diese Impfungen kann ich mir das nicht vorstellen. Sonst werden Menschen getötet. Das ist in einem Krankenhaus nicht möglich", sagte er in der sonntäglichen VRT-Talkshow "Der siebte Tag".

Es ist viel über die Möglichkeit einer Impfpflicht gesagt und geschrieben worden. Vergangene Woche fiel die Entscheidung, dass sich die Gesundheitsdienstleister in Belgien bis zum 1. April impfen lassen müssen, sonst riskieren sie den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Die einzig richtige Entscheidung, betont der Virologe Peter Piot, der unter anderem die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen zum Thema Corona berät.

"Wenn man als Arzt nicht geimpft ist und seine Patienten einem Virus aussetzt, das ihren Tod verursachen könnte, ist das Totschlag. Als Arzt haben wir Verpflichtungen. Es ist natürlich eine schwierige Entscheidung, jemandem den Arbeitsplatz zu wegzunehmen, aber wenn es keinen anderen Weg gibt, müssen wir die Interessen einer ganzen Gesellschaft gegen die einer Person aufwiegen. Und ohne diese Impfungen weiß ich nicht, wie wir Patienten nicht in Lebensgefahr bringen sollen. Das kann man in einem Krankenhaus nicht machen".

Keine Impflicht für die gesamte Bevölkerung

Piot und seine Frau Heidi Larson, die das ‚Vaccine Confidence Project‘ gegründet hat, lehnen eine Impflicht für die gesamte Bevölkerung jedoch ab. "Ich glaube nicht, dass das im Moment der richtige Weg ist. Nicht jeder gefährdet Menschen auf dieselbe Weise. Die Maßnahmen müssen in einem angemessenen Verhältnis zum Risiko stehen.“

Die Maßnahmen müssen in einem angemessenen Verhältnis zum Risiko stehen
Heidi Larson

"Die Verantwortung des Pflegepersonals ist eine andere als die eines Gärtners, eines Verkäufers oder eines Büroangestellten".

Impfung und Mundschutz: Für Piot wird dies die einzige Möglichkeit sein, sich dauerhaft gegen das Coronavirus zu schützen. Und das über mehrere Jahre hinweg.

Es geht nicht um Impfungen oder Masken. Es wird beides sein
Peter Piot

Impfung und Mundschutz auch in Zukunft wichtig

"Wir handeln in der Coronakrise grundsätzlich viel zu schnell. Wir glauben zu früh, dass wir es endlich geschafft haben, aber das Virus ist schneller und breitet sich auch dann aus, wenn wir es noch gar nicht sehen. Es geht nicht um Impfung oder Mundschutzmasken: Wir brauchen beides. Impfstoffe schützen sehr gut vor schweren Krankheitsverläufen und Tod. Krankenhäuser müssen siebenmal mehr Menschen aufnehmen, die nicht geimpft sind. Gleichzeitig glaube ich, dass wir noch viele Jahren auf den Mundschutz angewiesen sein werden. Aber es wird immer besser werden, dank der Impfungen und der kollektiven Disziplin".

Gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen, dass sich das Virus selbst weiterentwickelt. Nicht umsonst spricht Premierminister De Croo (Open VLD) bereits über das COVID-21-Virus. Das bedeutet auch, dass sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse verändern, glaubt Piot.

"Vor der Delta-Variante dachte ich, wir könnten das Virus mit einer 70-prozentigen Durchimpfung stoppen, was wir jetzt erreicht haben. Aber es wird neue Varianten geben. Je länger die Menschen nicht geimpft sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Varianten entwickeln, die ansteckender oder tödlicher sind. Deshalb müssen wir die Kombination von Maßnahmen beibehalten. Und damit müssen wir einfach leben lernen."

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