Im AfricaMuseum
Andreas Kockartz

Belgien untersucht eine mögliche Rückgabe von Raubkunst an die ehemalige Kolonie Kongo

In Belgien zeigt sich eine Bereitschafft dazu, mit den Behörden der ehemaligen Kolonie Kongo eine mögliche Rückgabe von unrechtmäßig erworbenen Gütern und Kunstgegenständen aus der Kolonialzeit, die sich im Besitz des Staates befinden, zu prüfen. Dies teilte unlängst Belgiens Staatssekretär für Wissenschaftspolitik, Thomas Dermine (PS) mit. Dabei handelt es sich um tausende Stücke.

Seit Anfang Juli 2021 läuft eine Studie, die diesen Sachverhalt aus belgischer Sicht prüfen soll. Diese Studie soll Klarheit darüber verschaffen, welche und wie viele kongolesische Kunst- und Kulturgegenstände in Anmerkung für eine Rückgabe kommen. Potentiell handelt es sich um tausende Stücke, die in den nächsten Jahren den Behörden in der Demokratischen Republik Kongo (RDC) übergeben werden könnten.

Das Meiste davon befindet sich zweifellos im AfricaMuseum in Tervueren bei Brüssel, dass die staatliche Sammlung in Belgien verwaltet und dass die Kolonialgeschichte in allen Aspekten beleuchtet. Hier alleine befinden sich rund 128.000 Objekte aus den früheren belgischen Kolonien, von denen etwa 85 % aus dem Kongo stammen.

Nach ersten Analysen sollen 58 % dieser Gegenstände legal im Besitz des belgischen Staates sein und lediglich 1 %, rund 1.000 Stücke, können quasi direkt zurückgegeben werden, denn sie sind nach heutigem Wissen unter dubiosen, sprich illegalen Umständen nach Belgien gelangt, wie Guido Gryseels, der Direktor des AfricaMuseums angibt. Darunter befinden sich für den Kongo wichtige geschichtliche Gegenstände von höchstem Wert.

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Wissenschafts-Staatssektetär Thomas Dermine

Die Symbole der Geschichte des Kongo

Ziel von Wissenschafts-Staatssekretär Dermine ist, dem Kongo die Symbole seiner Vergangenheit zurückzugeben. Bei einem Besuch in der Demokratischen Republik Kongo sagte er: „Wir wollen eine Herangehensweise, die erkennt, dass alle Objekte, die aus dem Kongo stammen und die von Belgien in der Zeit des unabhängigen Staates Kongo (1885-1908) bzw. in der Kolonialzeit (1908-1960) übernommen wurden, à priori rückführbar sind.“

Es ist nicht unbedingt so, dass jetzt alles, was aus dem Kongo der damaligen Zeit stammt und das sich in den belgischen Museen und deren Sammlungen befindet, zurückgegeben wird oder werden muss, doch die Idee einer wissenschaftlichen Analyse zu deren Herkunft und zu dem Umständen ihrer Verbringung nach Belgien, erscheint fundamental.

Bis zum Jahresende soll dazu ein juristischer und legislativer Rahmen gestaltet werden, den die belgische Bundesregierung in der Ersten Kammer des belgischen Bundesparlaments zur Abstimmung bringen will.

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Im AfricaMuseum
Andreas Kockartz

Vorreiterrolle für Belgien?

Es ist an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen, so Staatssekretär Dermine: „Und das ist die Rückgabe dieser geraubten Objekte. Diese auf eine nicht legitime Weise erlangten Objekte gehören uns nicht.“ Belgien geht hier möglicherweise einen Schritt weiter, als einige andere frühere europäische Kolonialländer, wie z.B. Deutschland oder Großbritannien. Die aktuellen globalen und strukturellen Bestrebungen betreffen letztendlich 100 % des staatlichen belgischen Bestandes.

Doch eine Frage bleibt offen: Kann der kongolesische Staat die Sicherheit dieser zum Teil extrem wertvollen Kulturgegenstände sichern bzw. konservieren? Das vor kurzen erst im Kongo eröffnete „Nationalmuseum des Kongo“ bietet einen passenden Rahmen dazu und Etienne Tschisekedi, der neue Präsident der RDC, sagte im Rahmen dieser Eröffnung: „Eines Tages muss unser Kulturerbe wieder in den Kongo kommen, aber wir müssen das auf organisierte Art und Weise machen. Das muss nicht überstürzt vonstattengehen, sondern auf konzertierte Weise.“

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Im AfricaMuseum
Andreas Kockartz

Wie könnte das vor sich gehen? Ein 3-Stufen-Plan

Belgien stellt zur Bewerkstelligung dieser Mammutaufgabe in den kommenden 4 Jahren dem AfricaMuseum 2,5 Mio. € für die Verstärkung von wissenschaftlichen Teams zur Verfügung. Ein Team aus kongolesischen und belgischen Wissenschaftlern wird den rückführbaren Bestand auf Basis von historischen und juristischen Analysen in 3 Kategorien aufteilen:

  • 1.   Die illegal erworbenen Objekte, die per Direkt zurückgegeben werden können.
  • 2.   Die legal erworbenen Objekte, die im Besitz des belgischen Staates bleiben sollen.
  • 3.   Die Objekte, zu denen es wohl kaum zu einem belegbaren Statut kommen kann, weil z.B. die Herkunft nicht erkennbar ist. Über diese Objekte will sich Belgien einer entsprechenden Diskussion öffnen. 
Große Teile des kongolesischen Kulturerbes befindet sich im AfricaMuseum in Tervueren
Andreas Kockartz

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