Jo Lernout und Pol Hauspie
BELGA/VERGULT

Lernout & Hauspie: Schuldig gesprochen 20 Jahre nach dem Konkurs - Anleger verloren damals viel Geld

Rund 20 Jahre nach dem Konkurs müssen sechs ehemalige Vorstände des flämischen Sprachtechnologie-Unternehmens Lernout & Hauspie, darunter auch die beiden Firmengründer Jo Lernout und Pol Hauspie (Foto), Schadensersatz in Höhe von 655 Mio. € zahlen. Dies steht in einem Berufungsurteil, das am Freitagmorgen am Gerichtshof von Gent ausgesprochen wurde. Ob aber die damals geprellten Kleinanleger etwas von ihrem Geld wiedersehen, bleibt die große Frage.

Rund 20 Jahre nach dem L&H-Konkurs und dem dazugehörenden Betrugsverfahren ist die Sache mit dem Berufungsurteil von Gent abgeschlossen. Die beiden Unternehmensgründer Jo Lernout und Pol Hauspie und vier weiter Vorstandsmitglieder des Sprachtechnologie-Unternehmens aus Ypern in Westflandern müssen Schadensersatz in Höhe von rund 655 Mio. € bezahlen.

In erster Linie gehen Gelder an die Banken und an die Kuratoren von L&H sowie an die ehemaligen Mitarbeiter. Rund 47 Mio. € sind für die Entschädigung der geprellten Kleinanleger vorgesehen. Doch ob diese etwas davon sehen, ist noch die Frage. Viele von ihnen hatten ihr Erspartes in L&H-Aktien angelegt und so mancher hatte aus Gutgläubigkeit Haus und Hof dafür aufs Spiel gesetzt.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Die Vorgeschichte

Das Sprachtechnologie-Unternehmen Lernout & Hauspie wurde Ende der 1980er Jahre in Ypern in Westflandern gegründet. Jo Lernout und Pol Hauspie erfüllten sich damit einen Traum eines Unternehmens, das Computer verschiedene Sprachen sprechen lassen sollte und dass Computer eingesprochene Aufträge erledigen sollen. In einer ersten Phase fanden sie Investoren in der eigenen Region, vor allem aus der lokalen Wirtschaft. Das Vertrauen in L&H war riesig und auch führende Politiker warben für das Spitzenunternehmen. In den 1990er Jahren verbuchte das Technologieunternehmen enorme Erfolge.

Die beiden Unternehmensgründer wurden Manager des Jahres und ihr Unternehmen geht als erste Firma unseres Landes an die US-amerikanische Technologiebörse Nasdaq. Softwaregigant Microsoft investiert 45 Mio. Dollar in L&H und 1999 gründen Lernout & Hauspie in Ypern ihr eigenes „Sprachental“, das Gewerbegebiet „Flanders Langage Valley“. Die Westflamen übernahmen sogar ihre US-Konkurrenten Dragon und Dictaphone.

Doch dann drehte sich der Wind. Das amerikanische Börsenblatt Wall Street Journal findet heraus, dass die meisten L&H-Kunden in Korea überhaupt nicht existieren und das ihre zahlreichen Sprachentwicklungs-Kleinunternehmen nur gegründet wurden, um den Umsatz des Unternehmens künstlich aufzuschmücken. Eine entsprechende Meldung lässt am 8. August 2000 die Bombe platzen. Der Aktienwert fällt ins Bodenlose und 2001 geht Lernout & Hauspie pleite. Die Manager werden festgenommen und später auch wegen Bilanz- und Anlagebetrug verurteilt. Tausende Anleger standen mit leeren Händen da.

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Riesiges (Berufungs-)Verfahren

Das Berufungsgericht von Gent hat ein enormes Verfahren hinter sich gebracht. Vorne im Gerichtssaal lagen dicke Din-A-4-Stapel Papier - das 11.000 Seiten starke Dossier bzw. Urteil (Foto oben). Doch im Rest des Saals war nur wenig los. Von den tausenden Düpierten war nur ein Anwalt vertreten des in dem Fall verwickelten Wirtschaftsprüfungsunternehmens KPMG. Von den restlichen 4.336 Zivilklägern war nichts zu sehen. Ursprünglich hatten 9.299 Parteien gegen L&H geklagt, doch fast 5.000 der Klagen wurden abgewiesen.

Übrigens, 2005 hatte Lernout & Hauspie ein ähnliches Verfahren in den USA verloren. Damals wurden dort Schadensersatzforderungen in Höhe von rund 200 Mio. Dollar beglichen. Die große Frage jetzt ist, ob überhaupt noch Geld da ist, um auch in Belgien Schadensansprüche begleichen zu können... 

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