Friseure spielen eine Schlüsselrolle in der neuen Kampagne gegen Gewalt in der Partnerschaft

Febelhair, der Branchenverband der belgischen Friseure, veröffentlicht in Zusammenarbeit mit dem flämischen Zentrum für Sozialarbeit (Centrum Algemeen Welzijnswerk (CAW)) und der Notrufnummer 1712 ein Schulungsvideo zum Thema Gewalt in der Partnerschaft.  Ziel ist es, Friseure dabei zu unterstützen, Anzeichen von Partnergewalt bei ihren Kund(in)en zu erkennen und diese an professionelle Hilfe zu verweisen. Die Kampagne wird von der Politikerin und Sexologin Goedele Liekens unterstützt.

"Die Idee, Friseure zum Thema Partnergewalt zu schulen, stammt aus den Vereinigten Staaten", sagt Charles-Antoine Huybrechts, der Vorsitzende von Febelhair. "Auch im Vereinigten Königreich und in Irland gibt es ähnliche Initiativen. Friseurinnen und Friseure spielen eine besondere Rolle, wenn es darum geht, Gewalt in der Partnerschaft zu erkennen und zum Thema zu machen. Sie haben oft ein Vertrauensverhältnis zu ihren Kunden und hören sehr persönliche Geschichten".

In dem Video besucht Laurien Leroy, Sozialarbeiterin bei CAW Ostflandern, einen Friseursalon. Bei CAW berät Leroy Paare, die von Partnergewalt betroffen sind. Während des Haarschnitts führt sie ein Gespräch mit ihrem Friseur, in dem sie den Umfang des Problems näher erläutert.

Sehen Sie sich das Schulungsvideo für Friseure über Gewalt in der Partnerschaft mit einer Einführung von Goedele Liekens an: (Sprache: Niederländisch)

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Die Friseure erhalten unter anderem Tipps, wie sie Anzeichen von Gewalt in der Partnerschaft erkennen können: Kundinnen mit verdächtigen blauen Flecken, Kundinnen, die sich ihrem Partner gegenüber auffällig anders verhalten, Kundinnen, die bei Blickkontakt wegschauen oder sich bei einer Berührung erschrecken.

In Belgien gibt es jährlich 150 Fälle von potenziell tödlicher Partnergewalt
Goedele Liekens, Parlamentarierin (Open VLD, flämische Liberale) und Sexologin

Die Parlamentarierin und Sexologin Goedele Liekens ist die Schirmherrin der Kampagne: "Der Kampf gegen geschlechtsbezogene Gewalt ist der Hauptgrund, warum ich in die Politik gegangen bin. Auf internationaler Ebene spreche ich das Thema seit Jahren bei den Vereinten Nationen an, und auf nationaler Ebene habe ich im vergangenen Jahr gemeinsam mit meiner Kollegin Marianne Verhaert eine Resolution zur Bekämpfung der innerfamiliären Gewalt ins Parlament eingebracht."

"Laut den neuesten nationalen Zahlen aus dem Jahr 2018 gibt es in Belgien jedes Jahr 150 Fälle von potenziell tödlicher Partnergewalt, und wir wissen, dass der Lockdown im Jahr 2020 das Problem nur verschärft hat. Das ist eine schlimme Problematik: Denken Sie nur an die Kosten für die medizinische und psychologische Betreuung oder an den Teufelskreis, der entsteht, wenn Kinder zu Hause Gewalt in der Partnerschaft erleben.“

Zunehmende Zahl von Anrufen wegen Gewalt in der Partnerschaft bei der Notrufnummer 1712

In diesem Jahr gingen bei der Notrufnummer 1712 bereits mehr als 2 000 Anrufe zum Thema Gewalt in der Partnerschaft ein, und das ist leider noch nicht alles. "Das vergangene Jahr war bereits ein Rekordjahr, was Anrufe wegen Partnergewalt angeht, und es scheint, dass die Zahl der Anrufe in diesem Jahr noch höher ausfallen wird", sagt Wim Van de Voorde, Vorsitzender der Beratungsstelle 1712. "Auffällig ist, dass in der Hälfte der Fälle von emotionaler Partnergewalt wie Beleidigungen, Demütigungen, Einschüchterungen und Drohungen berichtet wird.“

Viele Menschen fühlen sich schuldig oder schämen sich, Hilfe zu suchen
Wim Van de Voorde, Vorsitzender Beratungsstelle 1712

Van de Voorde ist zufrieden, dass immer mehr Menschen den Weg zur Beratungsstelle finden: "Gewalt in der Partnerschaft ist immer noch ein Tabu, und deshalb wagen viele Menschen nicht den Schritt zur Polizei oder zu den Sozialdiensten. Es geht immer um komplexe Situationen, die selten schwarz oder weiß sind, und viele Menschen fühlen sich schuldig oder schämen sich, Hilfe zu suchen. Wir freuen uns daher, dass diese Menschen den Schritt wagen, sich an 1712 zu wenden, denn die Tatsache, dass dies kostenlos und anonym geschehen kann, hilft vielen Menschen über die Schwelle."

Für den starken Anstieg der Zahl der Anrufe gibt es laut Van de Voorde mehrere Erklärungen. Der Bekanntheitsgrad der Notrufnummer ist in den letzten Jahren gestiegen, die Medien widmen dem Thema mehr Aufmerksamkeit und es gab mehrere gezielte Kampagnen. So hat Sarah Schlitz, Staatssekretärin für Chancengleichheit, im vergangenen Monat eine groß angelegte Kampagne zum Thema Partnergewalt gestartet.

Vergangenes Jahr wurde 1712 auch selbst aktiv: Die Botschaft "Stop violence, call - mail - chat 1712" wurde auf mehrere bekannte Gebäude in den fünf flämischen Provinzhauptstädten projiziert.

Sexuelle Gewalt

Auffallend ist aber die geringe Zahl der Anrufe, die sexuelle Gewalt in (Ex-)Partnerbeziehungen betreffen. Studien zeigen, dass der Täter bei sexueller Gewalt gegen Erwachsene in fast der Hälfte der Fälle der Partner oder Ex-Partner ist, was sich jedoch in den Anrufen an die Notrufnummer 1712 nicht widerspiegelt.

"Bei mehr als zwei von drei Anrufen zu sexueller Gewalt in der Partnerschaft werden wir von Familienmitgliedern oder Unbeteiligten kontaktiert", erklärt Van de Voorde."Sexuelle Gewalt bleibt ein großes Tabu.  Eine mögliche Erklärung ist vielleicht auch, dass die Opfer sexuelle Gewalt nicht als solche benennen.“

Letztes Jahr, am 17. Dezember, brachte das Musikduo Kids With Buns seine Debütsingle "1712" heraus, um ein Zeichen gegen sexuelle Gewalt zu setzen:

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