Belgiens Eisenbahn und der Holocaust: Regierung gibt Studie zur damaligen Rolle der Bahn in Auftrag

Die belgische Bundesregierung und der Senat haben eine Studie zur Rolle der belgischen Bahngesellschaft NMBS/SNCB während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust in Auftrag gegeben. Dies melden die flämische Tageszeitung De Morgen und der Senat, die Zweite Kammer im belgischen Bundesparlament, am Donnerstag.

Der 27. Januar ist der internationale Gedenktag für die Opfer des Holocaust. An diesem Tag (vor genau 77 Jahren) wurde 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit. An diesem Stichtag geben Bundesverkehrsminister Georges Gilkinet (Ecolo) und die Vorsitzende des Senats, Stéphanie d’Hose (Open VLD), bekannt, dass die Regierung eine Studie in Auftrag gegeben hat, die die Rolle der belgischen Eisenbahn während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust gespielt hat.

Die damalige belgische Staatsbahn hatte in dieser Zeit rund 25.000 Juden, Sinti und Roma, von der Sammelstelle in der Dossin-Kaserne in Mechelen (Foto oben) aus in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten transportiert. Doch was genau dabei geschehen ist, z.B. ob sich die Bahn dafür von den deutschen Besatzern hat bezahlen lassen oder ob die NMBS/SNCB damals von den zu deportierenden Personen auch noch Fahrgeld kassiert hat, wurde bisher nie untersucht. 

In unserem Wissen gibt es noch viele Löcher.“

Nico Wouters, Leiter des belgischen Studienzentrums für Krieg und Gesellschaft (CegeSoma)

„Dass durch die Bahn und durch deren Lokführer und Züge Juden deportiert wurden, wissen wir schon lange. Und doch gibt es in unserem Wissen noch viele Löcher“, sagte Nico Wouters, der Leiter des belgischen Studienzentrums für Krieg und Gesellschaft (CegeSoma) am Montag gegenüber VRT NWS: „Die präzise Beschlussbildung, wer was beschlossen hat und auf welche Art und Weise die Deutschen genau ihre Fragen an die Bahn gerichtet haben - da wissen wir noch nicht so viel zu.“

Gab es damals bei der Bahn auch Widerstand?

Haben Eisenbahner in Belgien damals gegen die Transporte protestiert? Haben Eisenbahner versucht, solche Deportationen zu sabotieren? Wie funktionierten diese Transporte? Konnte man hier überhaupt Sabotageakte verüben? Und gab es Mitwisser und Eisenbahner, die hinter der Deportation von Juden, Sinti und Roma standen? Das sind nur einige von vielen Fragen, denen bis heute in Belgien und bei der NMBS/SNCB niemand genau auf den Grund gegangen ist.

„Das wird eine sehr nuancierte Untersuchung“, so Nico Wouters weiter: „Wir wissen zum Beispiel, dass nach dem Krieg 6.700 Mitarbeiter der belgischen Bahn offiziell als Mitglieder der Resistance anerkannt wurden. Die NMBS/SNCB war also auch ein Unternehmen, in der es einen stark organisierten Widerstand gab. Die Frage ist auch, welchen Einfluss dies auf die Durchführung der Deportationen gehabt hat.“

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Die belgische Sammelstelle für Deportierte in der Kaserne Dossin in Mechelen ist heute ein Museum und eine Gedenkstätte

Die Studie soll Mitte 2023 an den Senat gehen

In den kommenden Monaten werden sich Historiker und Wissenschaftler mit diesem Thema auseinandersetzen - auch die entsprechenden Fachleute bei der Bahn selber, wie in einer Pressemitteilung des belgischen Senats zu lesen ist: „Diese Studie erfolgt, um Licht auf unsere Geschichte zu werfen, in der Transparenz, der Würde und dem Respekt, den die zahlreichen Opfer der Deportationen verdienen.“

Mitte 2023 sollen die Resultate dieser Studie dem Senat überreicht werden. Was die belgische Bundesregierung danach mit dieser Studie machen wird, soll Sache der Politik sein, so CegeSoma-Leiter Wouters. Ob sie zu Wiedergutmachungszahlungen wie in Frankreich oder in den Niederlanden erfolgten führen wird, sei dahingestellt. 

Die Gleise hinter der Sammelstelle in Mechelen, wo die Deportierten in die Züge klettern mussten

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