Jo Van de Vijver/KMMA-MRAC Tervuren

Der lange Weg zur Entkolonialisierung in unseren Köpfen

Seit 5 Jahren ist das AfricaMuseum in Tervuren bei Brüssel nun schon wegen Renovierung geschlossen. Bis zum 8. bzw. 9. Dezember, d.h. zum Wiedereröffnungstermin des Museums - zunächst für VIPs, danach für das breite Publikum - will die über 60 Jahre alte permanente Ausstellung durch eine neue ersetzt sein und die Geschichte des Kolonialismus "neu" erzählt werden. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn das Museum ist das politisch aufgeladenste Museum Belgiens. Vor diesem Hintergrund hat in dieser Woche eine Debatte mit afrikanischen und europäischen Experten, Meinungsbildnern und Künstlern zum Thema „Die Vergangenheit und Zukunft teilen: Die afrikanisch-europäischen Beziehungen stärken“ stattgefunden.

Die Debatte über die koloniale Vergangenheit kommt spät in Belgien und sie steht auch gerade erst am Anfang, ist man sich beim Königlichen Egmont Institut für Internationale Beziehungen und dem AfricaMuseum einig. Beides sind die Veranstalter der mehrtägigen Konferenz in der Königlichen Bibliothek zu Brüssel, mit Konferenzeröffnung im neuen Besucherzentrum des AfricaMuseums in Tervuren.

Europäisch-afrikanische Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten

„Unsere Rolle ist es, die Diskussion hierüber in der belgischen Gesellschaft anzuregen. (…) Zumindest forcieren wir die Leute, nachzudenken. Ich meine, die belgische Gesellschaft denkt heute anders über Belgiens koloniale Vergangenheit nach als noch vor einigen Jahren“, erklärt der Direktor des AfricaMuseums, Guido Gryseels, im Interview. Sie ist „viel kritischer und begreift, dass man Kolonialismus einerseits mit den Augen der Vergangenheit sehen kann, wobei man dann die kapitalistische Expansion sieht. Andererseits kann man ihn auch mit den Augen von heute und dem Realismus von heute betrachten. Das wiederum bedeutet: Sie gehen in ein anderes Land, besetzen es militärisch, führen dessen Rohstoffe und die Gewinne aus und das manchmal auf eine rassistische Weise – die Spitzenpositionen im Management waren alle von Belgiern besetzt.“

Bei der Diskussion um die belgische Vergangenheit „befinden wir uns immer noch an der Spitze der Emotionen. Irgendwie symbolisiert das AfricaMuseum für einige Leute den Höhepunkt belgischer Vorherrschaft und für andere den Höhepunkt belgischer Barbarei", erklärt Dr. Paul-Simon Handy (Foto) von der Abteilung für Konfliktprävention und Risikoanalysen am Institut für Sicherheitsstudien in Pretoria (Südafrika). Er ist einer der 50 geladenen Sprecher auf der Konferenz.  "Die Art und Weise, wie Afrikaner diese Periode heute sehen, wird sehr kritisch sein.”

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Auch aus diesem Grund soll die koloniale Vergangenheit in der neuen permanenten Ausstellung in einer ganz anderen Weise, einer noch viel kritischeren, dargestellt werden. „Wir verwenden viel mehr Aufmerksamkeit darauf, die afrikanische Sicht der Kolonialisierung darzustellen“, sagt der Museumsdirektor Gryseels.

„Objekte, die die koloniale Vergangenheit verherrlichen, werden herausgenommen (…) Ein Teil, den wir behalten, ist der Raum 'Krokodile', denn dieser ist allgemein als schönes Beispiel dafür bekannt, wie man vor hundert Jahren Afrika betrachtet hat. Wir lassen diesen Raum als ‘Memory line‘.“

Das Museumsgebäude selbst steht unter Denkmalschutz. „Wenn man sich die Rotunde ansieht, kann man auf den Statuen z.B. Titel wie „Belgien bringt die Zivilisation in den Kongo" erkennen. Das alles ist denkmalgeschützt. Das kann man nicht entfernen“, erklärt der Direktor. Die kolonialistische Sichtweise auf Afrika werde aber in den entsprechenden Kontext gestellt und kommentiert gezeigt, fügt Gryseels hinzu.

Dem Betrachter Antworten aufzwängen will das Museum jedoch keinesfalls, sondern eher den Dialog anregen. „Wir sehen uns als Forum für Diskussionen. Lassen wir die hundert Blumen blühen und unterschiedliche Meinungen sich öffnen“,  unterstreicht der Belgier in der Konferenz über afrikanisch-europäische Beziehungen. 

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Warum kommt die Debatte so spät in Belgien?

Die Diskussion über die koloniale Vergangenheit in Belgien kommt eindeutig später als woanders und hat u.a. mit dem Buch „King Leopold’s Ghost“ von Adam Hochschild (1998) begonnen, aber auch mit den Diskussionen über die Ermordung von Patrice Lumumba im Parlament (parlamentarischer Untersuchungsausschuss im Jahr 2000). Das AfricaMuseum hatte 2005 und 2010 (zur Unabhängigkeit des Kongos 1960) selbst Sonderausstellungen. Die von 2005 widmete sich erstmals den menschenverachtenden Aspekten aus der Zeit der belgischen Kolonialisierung des Kongos.

Die Debatte erfahre immer noch “einen emotionalen Widerstand, weil jede belgische Familie jemanden hat, der im Kongo arbeitete. Hiermit sind also noch jede Menge Emotionen verbunden, aber auch viel Wohlstand Belgiens“, führt der Direktor des AfricaMuseums (Foto) aus. „Bis vor 20 Jahren kam viel von dem Wohlstand Belgiens aus dem Kongo. Seien wir ehrlich: Der Antwerpener Hafen, verschiedene Industrien, die auf der Grundlage von Rohmaterial entwickelt wurden.“

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„Die Diskussion über den Kongo war nie eine wirklich große. (…) Im Vergleich zu anderen Ländern mit kolonialer Vergangenheit nimmt Belgien zudem einen besonderen Platz ein“, fügt der ehemalige belgische Botschafter von Ruanda und Kongo-Kinshasa, Frank De Coninck, noch hinzu. Die Belgier “hatten kein Imperium wie die Franzosen, Portugiesen oder Briten. Das spiegelte sich auch nach der Unabhängigkeit wieder. (…) Nach der Unabhängigkeit blieb das Interesse Belgiens am Kongo weiterhin auf die Wirtschafts- und akademischen Kreise beschränkt. Bis in die 80er Jahre entstand daher keine echte Auseinandersetzung.“

Migration und hitzige Diskussionen

Die Diskussion über die koloniale Vergangenheit wurde in Belgien vor allem in letzter Zeit immer mehr angeheizt, aber warum? Mehrere Rassismus-Vorfälle (darunter jüngst eine VRT-Reportage, die die rassistische Seite der rechts-konservativen Bewegung Schild & Vrienden und ihre Einflussnahme in einem offiziellen Gremium aufdeckt und der Hilferuf der RTBF-Wetterfrau mit afrikanischen Wurzeln, die ein emotionales Video postet, in dem sie Rassismus in Belgien beklagt) haben eine (kleine) Schockwelle im Land ausgelöst.

„Vor dreißig Jahren gab es kaum Afrikaner in Belgien, vielleicht 20.000. Die Mehrzahl der Afrikaner hier in Belgien kam mit der Migrationswelle der 80er/90er Jahre. Heute sind etwa 230.000 Afrikaner in Belgien, zumeist aus Zentralafrika“, so Gryseels. „Eine Studie der König Boudewijn-Stiftung zur Situation der Afrikaner hierzulande zeigt, dass die Arbeitslosenquote unter ihnen trotz guter Ausbildung sehr hoch ist, dass sie mit Rassismus konfrontiert werden, dass sie Probleme bei der Haussuche haben und dass viele deshalb sehr frustriert sind. Diese Afrikaner haben also zunehmend ihre Stimme erhoben und offensichtlich wird eine Verbindung der Probleme von heute und der Probleme einer multikulturellen Gesellschaft zur kolonialen Vergangenheit gezogen.“

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Der Kontext sei durch die Diskussion im Zusammenhang mit Migration extrem vergiftet worden, ist Dr. Paul-Simon Handy überzeugt.Aus europäischer Perspektive ist Migration ein wichtiges Thema und hat die politische Diskussion komplett verändert. (…) Auf afrikanischer Seite stellen wir aufgrund der Faktenlage jedoch fest, dass der Migrantenanteil, der nach Europa zieht, im Vergleich zur innerafrikanischen Migration extrem gering ist. Für uns Afrikaner ist das also kein besonders großes Thema. Ich begreife, dass populistische Diskussionen in europäischen Ländern das Ganze größer gemacht haben als es ist. Hier gehen die Ansichten also auseinander.“

„Die Migration ist zur Sicherheitsdebatte geworden, denn aus europäischer Sicht geht es darum, sie (die Afrikaner, Red.!) dort zu halten, dort zu entwickeln. Das ist eine sehr negative Sicht von Migration und Mobilität, eigentlich auch ein Widerspruch in einer Zeit, in der wir über die Beseitigung von Schranken und über Globalisierung sprechen. Das ist ein schönes Wort, doch man will keine Globalisierung, wenn es um Bevölkerungsbewegungen geht.“

Die Gemüter sollten sich erst einmal abkühlen, damit eine nüchterne Diskussion über die belgische Vergangenheit geführt werden könne, rät deshalb der aus Afrika stammende Dr. Handy. 

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Afrikanisches Kulturgut in Europa

Höchste Zeit ist es auch für den Anstoß einer Debatte darüber, wie afrikanisches Kulturgut in Europa gemeinsam verwaltet und allen zugänglich gemacht werden kann und wie eine bessere Erschließung historischer Archive zur gemeinsamen Erinnerung führen wird, sei sie auch noch so schmerzhaft.

Europa ringt noch immer mit der Vergangenheit und die Debatte hat gerade erst begonnen: „In ganz Europa, wissen Sie! Und Macron hat beinahe noch Öl ins Feuer gegossen, indem er sagte, dass das gesamte afrikanische Kulturgut in Europa innerhalb von fünf Jahren zurückgegeben werden müsse“, so der Direktor des AfricaMuseums. Natürlich sei das ein Thema und man müsse in jedem einzelnen Fall konstruktiv darüber reden. „Aber Sie können daraus keine allgemeingültige Aussage machen. Die Hälfte der Länder hat kein Museum, noch nicht einmal eine Lagermöglichkeit für Sammlungen.“  

Er warte schon gespannt auf den Bericht der Experten Macrons, erklärt der Museumsdirektor weiter.

„Was mich am meisten erstaunt, ist, dass Afrika nicht viele Geschichtswissenschaftler hat und der Grund hierfür liegt darin, dass sie keinen Zugang zu ihren Archiven haben. Es wundert mich, dass die afrikanischen Länder nicht mehr unternehmen, um Zugang zu ihren Archiven hier in Europa zu bekommen. In Belgien haben wir die Archive von Ruanda und Kongo.“

Dabei wäre alles so einfach. Man müsse sie nur digitalisieren und für diese Länder online schalten. Die Diskussion hierüber muss aber erst noch beginnen.

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Neues Besucherzentrum und AfricaMuseum in Tervuren UNe/VRT

Mehrere Fragen, stellt sich in diesem Zusammenhang der in Kamerun geborene Politologe Dr. Paul-Simon Handy im Interview: „Welche Kriterien sollen für die Rückgabe gelten? Nehmen wir auch solche Stücke zurück, die uns geschenkt wurden? Und gebt Ihr nur gestohlenes Gut zurück? Und wie ist ‘gestohlen’ zu definieren? Ab wann war es Diebstahl, ab wann ein Geschenk?“

Man habe schon jede Menge diesbezüglich nachforschen können, doch tatsächlich waren viele dieser Objekte das Ergebnis von Austausch zwischen Freunden und Familien.

Hinzu kommt die Frage, ob die nötige Infrastruktur zur Aufbewahrung der Objekte in zahlreichen afrikanischen Ländern überhaupt gegeben ist. Viele Länder haben mit feucht-tropischem Klima zu kämpfen. Die Kosten für die Aufbewahrung in einem solchen Klima seien extrem hoch, wer komme dafür auf?

“Etliche der Kollektionen, die hier im Museum ausgestellt werden, wären verloren gegangen, wenn sie nicht von den Belgiern aufbewahrt worden wären. In gewisser Hinsicht ist es also auch unser Gedächtnis, das hier buchstäblich von Kolonialisten konserviert wird. (…) Daran sollten wir uns erinnern, wenn wir Belgier, Franzosen und Briten in dieser Sache kritisieren“, so Dr. Handy. 

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Was für eine Zukunft für afrikanisch-europäische Beziehungen!

Der aus Afrika stammende Politologe Dr. Handy fasst zusammen: „Natürlich kann eine Konferenz die Welt nicht verändern, auch nicht Belgien, aber sie ist ein wichtiges Element in einem gesamten Prozess, (….) um ehrlich zu sein, in einem Prozess, der niemals zu Ende sein wird.“

Einig sind sich die Experten nach der Konferenz jedenfalls darüber, dass die koloniale Vergangenheit in den afrikanisch-europäischen Beziehungen präsent ist und dass wir alles mit Respekt aussprechen dürfen sollten, um die Entkolonialisierung der Denkmuster in unseren Köpfen voranzubringen. „Diese unausgesprochene Wahrheit auszusprechen, ist der Beginn für die Entkolonialisierung unserer Denkmuster, um zu einer gemeinsamen Zukunft zu finden“, heißt es dann auch in der Abschlusserklärung der Konferenz. „Jeder sollte über alles und jeden reden dürfen. Lassen Sie uns streiten, so dass die Diskussion im Sinne gegenseitiger Achtung vor den geäußerten Meinungen weitergehen kann.“

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Die Konferenz selbst fand in der Königlichen Bibliothek von Belgien in Brüssel statt

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