Foto: Andreas Kockartz

Was hat die belgische Bahn davon, wenn Thalys und Eurostar fusionieren?

Trotz des drohenden Brexit will die französische Staatsbahn SNCF, die die Mehrheit an den beiden Hochgeschwindigkeitszug-Betreibern Thalys und Eurostar in Händen hat, die Eisenbahnanbindung Großbritanniens an das europäische Festland ausweiten. Davon profitieren auch belgische und deutsche Reisende. Die SNCF möchte ihre Tochtergesellschaften Eurostar und Thalys fusionieren, wie in der vergangenen Woche bekannt wurde. Was aber hat die belgische Bahngesellschaft NMBS/SNCB von einem solchen Unterfangen? Und was haben die Reisenden davon?

„Die Bildung eines kombinierten Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnunternehmens würde für Millionen Fahrgäste eine überzeugende Alternative zum Flug- und zum Straßenverkehr bedeuten und im europäischen Hochgeschwindigkeitsverkehr eine neue Ära einleiten“, sagte Guillaume Pepy, Vorstandsvorsitzender der französischen Staatsbahn SNCF dazu. Pepy treibt dieses Projekt selbst voran.

Der Plan, der unter dem Motto „Green Speed“ firmiert, lag offenbar schon länger in den Schubladen der beteiligten Unternehmen. Mit der Vorstellung des Vorhabens bei den Vorständen, den Direktorien und den (Minderheits-)Aktionären dieser Unternehmen ist ein erster Schritt vollzogen worden, doch weitere Schritte müssten folgen, wie SNCF-Boss Pepy mit Nachdruck andeutete.

Mehrheits- und Minderheitsverhältnisse

Die SNCF besitzt die Mehrheit an beiden Unternehmen, bei Eurostar 55 %) und bei Thalys 60 %. Bei Eurostar sind neben der SNCF die staatliche Beteiligungsgesellschaft der kanadischen Provinz Quebec und der private Hermes-Infrastrukturfonds die wichtigsten Minderheitsaktionäre. Doch auch die NMBS/SNCB spielt hier eine nicht unerhebliche Rolle. Sie besitzt 40 % der Anteile an Thalys und 5 % an Eurostar. Bei „Green Speed“, bzw. einer Fusion von Eurostar und Thalys, allerdings wird die belgische Bahn an Gewicht verlieren.

Eurostar (gegründet 1994) verbuchte letztes Jahr einen Umsatz von etwas über 1 Mia. € und beschäftigt derzeit 1.650 Mitarbeiter. Thalys (gegründet 1995) setzte 2018 etwa 527 Mio. € um und arbeitet mit 641 Beschäftigten.

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Thalys und Eurostar sind sich schon jetzt näher, als man erwartet. So nutzt Thalys für seine Low-Cost-Züge "Izy" die alten Eurostar-Triebzüge/Foto: A. Kockartz

Wie sieht die belgische Bahn dieses Unterfangen?

Die belgische Bahnchefin Sophie Dutordoir ist positiv überzeugt: „Diese Annäherung basiert auf der Überzeugung, dass der Zug mehr denn je eine nachhaltige, sichere, schnelle und zielsichere Lösung für Reisen innerhalb Europas ist. In diesem Projekt will Brüssel voll und ganz auf ihre Rolle als Drehscheibe, als Kern der verschiedenen Verbindungen und Städte, die hier angefahren werden, ausspielen.“

Bart Crols, der Sprecher der belgischen Bahngesellschaft NMBS/SNCB sagte dazu am vergangenen Freitag, dass dies auch und gerade mit der vielversprechenden Zukunft für nachhaltigen Hochgeschwindigkeits-Bahnverkehr in Europa zu tun habe: „In dem man beide Aktivitäten zusammenbringt, könnte man in den kommenden Jahren ein starkes Wachstum verzeichnen. Beide Unternehmen können auch von den Erfahrung des jeweiligen Partners profitieren.“ 

In diesem Projekt will Brüssel voll und ganz auf ihre Rolle als Drehscheibe, als Kern der verschiedenen Verbindungen und Städte, die hier angefahren werden, ausspielen.“

NMBS/SNCB-CEO Sophie Dutordoir

Noch allerdings sei eine mögliche Fusion von Thalys und Eurostar ein Vorschlag, der lediglich auf Papier existiere, so Crols weiter. Die ganze Sache müsse noch konkretisiert und präzise definiert werden. Nicht zuletzt muss eine solche Zusammenlegung von derartigen internationalen Unternehmen den Wettbewerbshütern vorgelegt werden - darunter ist natürlich auch die EU-Kommission.

Brüssel scheint als internationales Drehkreuz dieser internationalen Schnellbahnprojekts gesetzt zu sein, doch wo könnte der Hauptsitz dieses angestrebten Fusionsunternehmens liegen? Noch liegt die Zentrale von Eurostar in London (was nebenbei bemerkt auch eine spannende Lizenzfrage darstellt, wenn der Brexit vollzogen wird und Großbritannien nicht mehr Teil der EU ist). Thalys hat seinen Stammsitz in Paris und SNCF-Vorstandschef Pepy will „auf jeden Fall die Kontrolle behalten.“ 

Ziele und Erfolgsaussichten

Die Erfolgsaussichten für ein solches Bahnunternehmen mit europäischem und internationalen Anspruch sind attraktiv: So  könnte Großbritannien mit dem Mittelmeer enger verbunden werden, die Nordsee mit dem Atlantik und die Benelux-Staaten rücken näher an Deutschland und an die Alpen. Eurostar bietet schon jetzt sommer- und winterspezifische Ziele im Süden Frankreichs an. Thalys bedient heute 26 Städte in Belgien, Frankreich, in den    Niederlande und Deutschland. Beide Unternehmen sorgen derzeit gemeinsam täglich mit 55 Zügen für 112 fahren, mit denen jährlich mehr als 18,5 Mio. Reisende (Ergebnis 2018) befördert werden. Bis 2030 soll die Zahl der Fahrgäste mithilfe von „Green Speed“ auf 30 Mio. jährlich zu erhöht werden.

Das Projekt gilt unter Bahnexperten als sinnvoll „Der Zusammenschluss wäre ein logische Folge der Entwicklung in den vergangenen Jahren, als sich Eurostar und Thalys von losen Konsortien zu eigenständigen Unternehmen wandelten“, sagt Arnaud Aymé von der Beratungsgesellschaft Sia Partners in Paris gegenüber der Frankfurter Allgemeinen. Beide Unternehmen wurden konzentrieren sich auf eine ähnliche Kundschaft, in denen sowohl Kurzurlauber und Städtereisende, als auch Geschäftsreisende eine wichtige Rolle spielen.

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Ein Eurostar auf dem Weg von Amsterdam nach London durchquert ohne Halt Brüssel-Nord/Foto: A. Kockartz

Die Anbindung an Deutschland?

Direkte Verbindungen von Köln, Düsseldorf oder Dortmund nach London könnten in Sachen „Green Speed“ eine Möglichkeit sein. Schon jetzt verbindet Thalys diese deutschen Metropolen mit Brüssel und Paris auf direktem Weg. Attraktive Anschlüsse nach London gibt es im Drehkreuz Brüssel Süd/Midi schon jetzt. Auch mit dem ICE der Deutschen Bahn gibt es aus Richtung Frankfurt a/M und Köln solche Anbindungen. Die DB hat sich allerdings vor einigen Jahren von dem Vorhaben, mit dem ICE direkt nach London zu fahren, diskret verabschiedet, auch wenn ein solcher Zug schon bis London St. Pancras durch den Eurotunnel gefahren ist. Und bei Thalys ist die DB vor Jahren auf eigenen Wunsch ebenfalls ausgestiegen.

Problematisch ist allerdings auch bei direkten Verbindungen nach London das Einchecken der Reisenden. Großbritannien ist zum einen kein Land der Schengen-Zone und zum anderen wird der Brexit eine Einreise auf die britischen Inseln auch nicht einfacher machen. Schon jetzt müssen Eurostar-Passagiere in Brüssel Süd/Midi, in Lille Europe und in Calais flughafenartige Kontrollen durchlaufen. Solche Check-Ins und Zollkontroll-Schalter müssen bei Direktzügen in den Bahnhöfen eingerichtet werden, in denen diese Züge halten werden. Das sind nicht wenige Stationen: Dortmund HBF, Essen HBF, Köln HBF, Frankfurt HBF und eventuell auch kleinere Zwischenstationen, wie Aachen HBF und/oder in Belgien Lüttich Guillemins. 

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Das Drehkreuz Brüssel Süd-Midi/Foto: A. Kockartz

Fahrpreise und Arbeitsplätze

Eine solche Fusion zwischen zwei führenden Bahnunternehmen, bzw. Konzerntöchtern mag spannende Synergieeffekte haben, doch bisher wollen sich die Beteiligten zu Details bei ihren Projekt „Green Speed“ nicht äußern. Ein größeres und großes Bahnunternehmen kann z.B. bei der Suche nach neuen Zügen in größerer Menge günstiger einkaufen, bzw. billigere Aufträge einholen. Doch sie birgt auch Einsparungspotential bei der Beschäftigung. In Belgien und in Frankreich machten sich in Gewerkschaftskreisen bereits Sorgen über einen Personalabbau breit, z.B. in der Geschäftszentrale von Thalys und bei den Beschäftigten von Eurostar in allen beteiligten Ländern.

Von übermäßigen Preisanstiegen für die Reisenden gehen Beobachter allerdings nicht unbedingt aus, da dieses Fusionsunternehmen keine riesige Machtposition am Markt einnehmen werde. Und zudem kann man nur potentielle Kunden unter den Flugreisenden und den Autofahrern mit günstigen Fahrkarten und Angeboten locken. Falls „Green Speed“ mehr Städte anlaufen wird, als Eurostar und Thalys das bisher machen, braucht es auch neue Schalter und zusätzliche Einrichtungen, was wiederum Personal erfordert. Vielleicht ist also die Befürchtung, dass hier viele Arbeitsplätze abgebaut werden, auch unbegründet. Allerdinge könnte dies von einzelnen Mitarbeitern einen Standortwechsel erfordern.

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Ein Thalys aus Richtung Köln auf dem Weg nach Belgien in Aachen/Foto: A.Kockartz

Neue Verbindung

Inzwischen erweitert Thalys sein Zugangebot. Ab dem 16. Dezember wird eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Brüssel und der französischen Stadt Rennes im Nordwesten des Landes angeboten. Von Brüssel aus fährt ein Thalys morgens um 6:23 nach Rennes, um dort um 11:02 anzukommen und abends verlässt der Gegenzug die französische Stadt um 16:56, von wo aus er die belgische Hauptstadt um 21:18 erreicht. Die Fahrzeit beträgt demnach rund 4 Stunden, doch kaum ein Reisender wird diese Fahrt durchgehend buchen. Doch die Zwischenstopps sind interessant: Lille, der Flughafen Roissy-Charles De Gaulle und Marne-La-Vallée.

(Quellen: VRT NWS, Belga, AFP, Frankfurter Allgemeine, De Standaard, De Tijd, L’Echo, Le Monde, NMBS/SNCB)