Stillfoto aus der RTBF-Reportage

Neue (alte) Erkenntnisse? Flamen und Wallonen machten sich 1945 in Polen und Ostpreußen schuldig

Ein Beitrag unserer frankophonen Kollegen der RTBF belegt die Annahme, dass nicht nur flämische Kollaborateure am Massenmord an rund 6.000 jüdischen Frauen aus dem polnischen KZ Stutthof bei Danzig im Januar 1945 beteiligt waren. Unter den belgischen Ostfrontkämpfern, die daran beteiligt waren und die den deutschen SS-Soldaten dabei zur Seite standen, waren auch viele Wallonen. In der Wallonie wird jetzt für viele zum ersten Mal deutlich, dass nicht nur Flamen Kollaborateure und Kriegsverbrecher waren. 

Die Fakten spielen sich im Januar 1945 ab. Die Russen rücken massiv in Richtung Deutsches Reich und deren besetzten Ostgebieten vor. Die Nazis versuchen ihre Gräueltaten zu verbergen und lassen ihre Konzentrationslager räumen. In Stutthof im heutigen Polen werden rund 6.000 jüdische Frauen in einem KZ festgehalten. Diese werden in den eisigen Januartagen zu Fuß zunächst in Richtung Königsberg in Ostpreußen gejagt und von dort aus weiter an den Strand von Palmnicken getrieben zu werden.

Dort angekommen jagten die deutschen SS-Soldaten mit Unterstützung von freiwilligen Ostfrontkämpfern aus der Organisation Todt, eine Art Pioniereinheit für Infrastruktur und Versorgung, und von Soldaten der „Schutztruppen“, die eigentlich KZs bewachen, die Frauen, die den Fußmarsch hierher überlebt hatten, ins Meer. Dort wurden die mit Maschinengewehren beschossen und mit Handgranaten beworfen. Nur wenige Dutzend Frauen überlebten dieses Massaker, das international als Kriegsverbrechen gewertet wurde und wird.

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Stillfoto aus der RTBF-Reportage

Späte Aufarbeitung

Schon lange steht fest, dass auch Freiwillige aus Belgien an diesem Blutbad beteiligt waren, doch allgemeinhin wurde gerne angenommen, dass es sich dabei nur um Flamen gehandelt habe. Doch die RTBF-Reportage zeigt deutsche und in Deutsch verfasste Dokumente, aus denen klar ersichtlich ist, dass es sich dabei auch um Kollaborateure aus Wallonien handelte. Es waren nicht viele Freiwillige aus Belgien, vielleicht 20 oder 30, doch dieser Beitrag sorgt jetzt in der Wallonie für Unruhe. „War mein Opa doch ein Nazi?“, fragt man sich hierzulande. Es war einfach, bis jetzt alle Schuld auf die flämischen Kollaborateure zu schieben. Doch auch im frankophonen Landesteil ist die Kollaboration mit den Nazis in den 1930er und 1940er Jahren niemals richtig aufgearbeitet worden.

Geschieht das jetzt? Während die Generation von damals langsam das Zeitliche segnet, stellen die Nachkommen über 70 Jahre danach die nötigen Fragen. Doch auch in Flandern stellten Sendungen unseres Hauses VRT neue Fragen im Umgang mit Kollaborateuren und dem Widerstand nach dem Krieg. 1947 sind einige Kollaborateure und Ostfrontsoldaten aus Belgien vor Gericht gekommen. Ihnen wurde damals vorgeworfen, ihre Waffen auch gegen das eigene Land gerichtet zu haben. Aber für Kriegsverbrechen, wie das von Palmnicken, wurde hierzulande niemand verurteilt.